Compiz Fusion & Usability:
Mehr als 3D-Spielerei
Der 3D-Desktop wird langsam erwachsen - und zwar nicht auf Windows (Vista), sondern auf Linux: Compiz Fusion hat inzwischen einen Entwicklungsstand erreicht, der den Einsatz auf Produktivsystemen zulässt.
Mit der fortschreitenden Entwicklung kommt trotzdem immer wieder die Frage nach dem Sinn der dargebotenen Features auf. Viele Puristen belächeln derartige Systeme und sehen den Show-Effekt im Vordergrund, der eher ein produktives Arbeiten verhindern als fördern würde.
Doch Vorsicht vor voreiligen Abklassifizierungen …
Compiz Fusion wird inzwischen von allen großen Linux-Distributionen unterstützt; wobei das Setup nicht bei allen gleich einfach ist. An dieser Stelle komme ich wieder gerne auf meine Lieblingsdistribution Mandriva zurück, mit der sich der 3D-Desktop sehr elegant mit wenigen Klicks einrichten lässt.
Überflüssiges
Compiz Fusion stellt einige Features und Effekte bereit. Je nach Wunsch können diese im Bundle über den jeweiligen Paketmanager installiert werden.
Nach der Installation werden in der Tat einige Funktionen bereitgestellt, die man sicherlich einmal ausprobieren möchte, allerdings niemals zur täglichen Arbeit benötigen wird. Dazu gehört sicherlich auch das Feature “Zeichne Feuer auf den Bildschirm”, mit dem man genau das anstellen kann, was der Name vermuten lässt.
Sicherlich ist auch “Wassereffekt” beim ersten Mal nett anzuschauen (hier werden fallende Wassertropfen auf den Desktop simuliert) …
Usability in 3D
Nach Eliminierung aller nervigen Show-Features reduziert sich die Anzahl auf eine Hand voll 3D-Effekte. Die haben es allerdings in sich und werden mit der Bezeichnung 3D-Effekt nur unzureichend charakterisiert.
Zu den Must-Have-Features gehören:
- Desktop-Würfel, Maus-Arbeitsflächenumschalter & Würfel drehen
- Expo
- Skalieren
- Shift-Switcher
Durch korrekte Konfiguration dieser Features kann die Usability um ein vielfaches verbessert werden!
Der Desktop-Würfel
Der Desktop-Würfel gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten 3D-Features von Compiz Fusion. Einige halten ihn für cool, andere für überflüssig. Tatsache ist allerdings, daß dieses Konzept zum ersten mal eine räumlich nachvollziehbare Ablagemöglichkeit von Fenstern anbietet.
Unser Hirn speichert bspw. den Ablageort eines Buches meistens im dreidimensionalen Kontext. Am nächsten Tag kann man sich an den Ablageort erinnern, weil man sich den Lesesessel vorstellt, indem man beim Lesen gesessen hat, neben dem das Buch nun liegt.
Die Lageerfassung im dreidimensionalen Raum ist also natürlicher und leichter, als bei einer Beschränkung auf 2 Dimensionen. Programmfenster lassen sich bei der Nutzung des Würfels wesentlich einfacher finden, als bei üblichen virtuellen 2D-Desktops. Die Dreh-Animation des Würfels hilft dem Gehirn, diesen 3D-Kontext abzubilden.
Der Würfel ist also wesentlich mehr, als nur eine Spielerei und vor allem dann ein großes Plus, wenn man es grundsätzlich mit vielen Fenstern zu tun hat.
Für eine unmittelbare “Bedienung” des Würfels (und das ist auch ganz wichtig) kann man mit “Maus-Arbeitsflächenumschalter” den Würfel nicht nur mit dem Scrollrad, sondern auch durch Festhalten mit einem Mausbutton stufenlos mit jeder Bewegungsfreiheit in alle Richtungen drehen.
Expo
Mit Expo können - abhängig von der Gesamtanzahl - alle Desktops auf einmal angezeigt werden. Dafür zoomt die Ansicht von der aktuellen Arbeitsfläche heraus und zeigt alle Desktops in einer Reihe nebeneinander an.
In dieser verkleinerten Ansicht können Fenster von einem auf den anderen Desktop gezogen werden. Damit wird eine schnelle Umverteilung möglich.
Expo ist ein sehr gutes Feature für einen schnellen Überblick und Reangieren von Fenstern. Es lässt sich (so wie jedes andere Compiz Fusion Feature auch) so konfigurieren, daß es bei einer Mausfahrt in eine Bildschirmecke anspricht. Ich würde empfehlen, Expo auf die linke obere Bildschirmecke zu legen.
Skalieren
Bei der Nutzung von vielen Fenstern - ob alle auf dem aktuellen Desktop oder verteilt - hat man oft das Problem, daß sich diese gegenseitig überlappen und damit die Einsicht verhindern. Sucht man nun ein spezielles Fenster, kann das schnell zum Geduldsspiel werden.
Mit Skalieren kann man entweder alle Fenster des aktuellen Desktops oder von allen Desktop nebeneinander und ohne Überlappungen darstellen lassen. Ist das gesuchte Fenster gefunden, kann dies mit einem Klick ausgewählt werden.
Da es sich bei Skalieren auch um eine Funktion handelt, die man des öfteren nutzen wird, empfehle ich auch die Auslösung an eine “prominente” Stelle zu legen: Oben rechts.
Shift-Switcher
Alternativ zu Skalieren kann man den Shift-Switcher nutzen. Da Skalieren die Fenster so weit herunterskaliert, dass diese auch alle gleichzeitig dargestellt werden können, können die Fenster manchmal etwas zu klein dargestellt werden.
Shift-Switcher geht hier anders vor, denn hier können die einzelnen Fenster durchgeschaltet werden. Dies kann in 2 Modi geschehen: Entweder über eine Ring-Darstellung oder über die schon von Vista bekannte Flip-Darstellug.
Die Auslösung von Shift-Switcher liegt standardmäßig auf <super>TAB und ist damit ähnlich zum Application-Switcher von Windows implementiert. Natürlich ist diese Belegung auch modofizierbar, ich würde jedoch empfehlen, diese beizubehalten.
Wabbernde Fenster
Über den Sinn der wabbernden Fenster kann man sicherlich diskutieren. Mir persönlich geben Sie aber das Gefühl von “biologischer Existenz”, von Greifbarkeit, von etwas, das wirklich “da” ist, weil es sich an die physikalische Gesetze der Trägheit zu halten scheint.
Fensteranimation
Compiz Fusion bietet ein wirklich breites Repertoir an Ein- und Ausblend-Animationen. Hier sind eigentlich alle Effekte brauchbar, die bei den Blendevorgängen einen Ursprung-, bzw. Zielort visualisieren. Wenn ich also ein Fenster schließe und sehe, wo es auf der Kontrolleiste abgelegt wird, hilft das beim späteren auffinden.
Ebenfalls gelungen finde ich die Möglichkeit, Fenster bei Fokuswechsel ausweichen zu lassen. Wenn also das hintere von 2 überlappenden Fenstern angeklickt wird, weicht das vordere nachvollziehbar nach hinten. Ein Fokuswechsel (und damit eigentlich die ganze Arbeit am Rechner) wird damit auch für Zuschauer transparent. Wo sonst einfach Fenster durch einen Klick von der Bildfläche verschwunden und irgendwann wieder aus dem Nirvana aufgetaucht sind, kann man nun sofort erkennen, wo was wie abgelegt und wohin navigiert wurde.
Dies ist insbesondere auch für Vorträge und Präsentationen sehr geeignet, da man den Mauszeiger als einzigen Hinweis auf Aktionen ohnehin oft nur unzureichend wahrnehmen kann.
Weiteres
Als weiteres nützliches Feature ist sicherlich auch noch “Screenshot” zu nennen. Diese Funktion erlaubt es, Bildausschnitte auf dem Desktop mit der Maus zu markieren und diese dann direkt als Grafik-Datei abzuspeichern.
Fazit
Neue Entwicklungen müssen sich zunächst “Gehör” verschaffen. Das geschieht am Besten mit Aha- und Wow-Effekt-Features. Compiz Fusion hat in dieser Phase aber auch ein paar sehr innovative Neuerungen auf den Desktop gebracht, die man in der aktuellen Abwink-Debatte nicht einfach übersehen sollte. Alleine diese wenigen Features lassen Windows Vista recht antiquiert wirken.
Microsoft selbst meinte in einem Interview, daß eine solch umfassende 3D-Neuerung für Windows zu radikal und deshalb nicht in Frage gekommen sei, weil man den Benutzer nicht überfordern wolle. Die Redmonder setzen offenbar auf kleinere Schritte und umgehen damit die Diskussion um die Sinnhaftigkeit von 3D-Desktops.
Ich bin sicher, daß in naher Zukunft die Frage nach dem Sinn nicht mehr gestellt wird. Einen 2D-Desktop wird man sich bald einfach nicht mehr vorstellen können …
Geändert am: 02.11.2007
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Kommentare
(Bisher 3 Kommentare)Thorsten Sperber / 24.10.2007, 22:23
hmm…also ich habs mal ausprobiert und vor allem expose ist sehr nützlich.
Allerdings habe ich ein paar “bugs” entdeckt, die bei der Benutzung von xfce (was ich benutze) im Zusammenhang mit compiz-fusion auftreten: Maximierte Fenster sind auch auf den benachbarten Arbeitsflächen sichtbar (der Rand), außerdem funktioniert der pager von xfce nicht mehr richtig (war ja bei beryl und gnome damals auch so).
Für mich wird das aber eh keine dauerhafte Einrichtung, da ich mit meinem 14″ Compaq Laptop nur mit 1024×768 fahren kann und … naja .. ist ein wenig eng.
danke für den interessanten Artikel, der mich zum Ausprobieren gebracht hat.
admin / 24.10.2007, 22:43
In der Tat ist’s auf 1024*768 ein wenig eng. Danke für den Hinweis bzgl. xfce - das hatte ich noch nicht ausprobiert.
Compiz Fusion hat wirklich noch einige Bugs. Auf meinen System (einmal mit Nvidia und einmal mit ATI-Grafikkarte bestückt, KDE) lief es allerdings wirklich stabil, was man vom Vorgängergespann Mandriva 2007.1 und Beryl so nicht sagen konnte.
Mal sehen, womit uns die weitere Entwicklung noch so überrascht …
Danke für’s Feedback.
mad / 25.10.2007, 13:31
compiz-fusion ist ein highlight in sachen 3d-desktop und nutzung!!
grosses lob an die entwickler!
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open source ruled!
Was denken Sie?