Entweder AJAX oder barrierefreies Webdesign?
AJAX (Asynchronous JavaScript And XML) gehört zu den Buzzwords der letzten Monate und wird oft in einem Atemzug mit (der Marketing-Bezeichnung) Web 2.0 genannt. Eine mit AJAX erstellte Internet-Anwendung fühlt sich - wenn darauf ausgelegt - beinahe wie eine lokal installierte Software an und eröffnet dabei neue Möglichkeiten in Bezug auf Benutzerfreundlichkeit und Schnelligkeit.
Dieser geballten Ladung an Innovation und Fortschritt stehen auf der anderen Seite die Grundsätze für das sog. barrierefreie Webdesign gegenüber, die im Rahmen der BITV dafür Sorge tragen sollen, daß behinderte Menschen leichten Zugang zu den Informationen einer Website erhalten.
Sind AJAX und die Vorgaben des barrierefreien Webdesigns vereinbar?
Die bei AJAX verwendeten Techniken sind für sich genommen eigentlich schon etwas älter, allerdings hatte man sie zuvor noch nicht zusammen in eine solch sexy Marketing-Corsage gepresst. Neue Konzepte gibt es viele, breitflächig durchsetzen können sich allerdings nur wenige. AJAX scheint das im Windschatten des Mittmach-Webs 2.0 aber geschafft zu haben.
AJAX, ein sauberes Mittel für hellen Glanz?
Mit AJAX kann man eine Menge Unfug anstellen. Dabei spiele ich nicht auf den Sicherheitsaspekt an (das ist ein Thema für sich), sondern auf die teilweise extreme überAJAXifizierung diverser Web-Applikationen.
Es ist sehr nett, einen Warenkorb über Drag and Drop zu füllen, allerdings muss ich als Käufer über diese Möglichkeit auch informiert werden. AJAX kann also dann verwirren, wenn die Webanwendung von ihrem Standardverhalten abweicht, denn der Website-Besucher von heute ist es noch nicht gewohnt, daß eine Website die Haptik einer lokalen Software, bzw. eines Betriebssystems bietet.
Außerdem sollte durch Verwendung von AJAX auch ein Vorteil in Bezug auf die Bedienung erreicht werden. Nicht selten wird aber durch die Integration von AJAX und bisher nicht einheitlicher Benutzerkonzepte die Bedienung erschwert.
Jedoch muss hier aber ein wichtiger AJAX-Aspekt festgehalten werden: AJAX kann Teile einer Website nachladen, ohne daß auch alle anderen Inhalte nochmals geladen werden müssen. Das macht die Aktualisierung einer Website nicht nur bedeutend schneller, sondern reduziert auch Traffic und Serverlast.
Klar und frei von Zusatzsstoffen
Barrierefreies Webdesign verfolgt alle Ansätze zur Umsetzung von leicht erfassbaren Internetseiten. Dazu gehört bspw. neben der Bereitstellung eines Glossars für Fachbegriffe oder Abkürzungen auch die inhaltliche Aufbereitung für Programme, wie bspw. Screenreader.
Vorteil ist auch, daß barrierefreie Internetseiten dadurch sehr gut von den Suchmaschinen indexiert werden können.
Ämter und Behörden sind seit dem 31.12.2005 dazu verpflichtet, eigene Internetpräsenzen BITV-konform anzubieten.
Chemische Reaktion
Barrierefreies Webdesign gilt inzwischen als Königsdisziplin für Agenturen, die sich diesen neudefinierten Fachbereich auch gerne etwas kosten lassen. Ähnlich sieht es mit AJAX aus.
Das grundsätzliche Problem ist nur, daß sich beide Techniken kaum vereinen lassen: Da AJAX Inhalte dynamisch über JavaScript nachläd, kommt es zur Nichteinhaltung der BITV-Richtlinien, denn ein Screenreader kann über den neu geladenen Inhalt im DOM-Baum bisher nicht zuverlässig informiert werden und wird damit unbrauchbar.
Ein weiterer Nachteil ist die fehlende Lesbarkeit für Suchmaschinen, was sicherlich für viele ein K.O.-Kriterium darstellen dürfte.
In der Praxis
Man sollte sich also gut überlegen, wo man AJAX einsetzen möchte. Zuviel AJAX kann nicht nur die Besucher einer Website, sondern auch die Suchmaschinen vor große Herausvorderungen stellen. Man sollte also doch eher auf Barrierefreiheit setzen und AJAX nur dort verwenden, wo wirklich ein Mehrwert in Bezug auf die Bedienung zu erkennen und eine Suchmaschinenindexierung unnötig ist.
AJAX kann allerdings überall dort eine große Hilfe sein, wo es um die Verarbeitung und Verwaltung (und damit ums Nachladen) großer Datenmengen geht.
Möchte man dennoch weder auf AJAX noch auf barrierefreies Webdesign verzichten, bleibt wohl nur die Bereitstellung der Website in zwei Auführungen …
Geändert am: 20.10.2007
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